Buchtipp: Hummelhirn – Nicht angepasst, sondern echt

Buchtipp: Hummelhirn – „Nicht angepasst, sondern echt“

„Ich bin vielleicht ein Papagei, ein Papagei auf Steroiden, aber ich bin nicht fake.“

Judith Holofernes beschreibt in ihrem autobiografischen Roman „Hummelhirn“ mit einem liebevoll-kritischen Blick, wie es ist, als Außenseiterin von Berlin nach Freiburg zu ziehen. Sie ist das Mädchen, das anders spricht („zu viele Üs“), das im links-alternativen Kinderladen sozialisiert wurde – und das irgendwie nie so ganz in die üblichen Raster passt.

Was dabei lange fehlt: die Erklärung. Denn dass sie ADHS hat, erfährt sie erst mit 46 Jahren. Ihr Erleben ist geprägt von einem schnellen, assoziativen Denken, von emotionaler Intensität und einem wachen Blick auf die Welt. Aus Sicht der Erwachsenen wirkt sie oft altklug, ein wenig suspekt, gleichzeitig kreativ und besonders. Für andere Kinder ist sie lustig, eigen – und eben auch anders.

Genau das spiegelt sich in ihrem Buch wider. Es ist ein Parforceritt durch ihre Biografie – mit Zeitsprüngen, Tagebucheinträgen, Songs, die sich in ihrem Kopf aufbauen, und sprachlich beeindruckenden Assoziationsketten. Das ADHS ist dabei fast schon literarisch spürbar, lange bevor es überhaupt diagnostiziert wird. Besonders eindrücklich beschreibt Holofernes, wie viel soziale Anpassungsleistung hinter ihrem späteren Erfolg steht. Mit einem Fuß immer ein wenig im Fettnapf, hat sie früh gelernt, welche Rollen „funktionieren“ – und welche nicht. Ihre Intelligenz hilft ihr, oft einen Schritt voraus zu sein. Gleichzeitig wird deutlich, wie anstrengend dieses permanente Mitdenken und Anpassen ist.

✨ Ein starkes Bild ist ihr Gang über den roten Teppich: Nach außen souverän und nahbar, nach innen jedoch das Ergebnis enormer Konzentration und sozialer Feinarbeit. So wird sie schließlich mit Wir sind Helden zum „nettesten Rockstar der Welt“.
Dieses Buch ist kein Spaziergang. Es erzählt von Höhen und Tiefen, von Selbstzweifeln – und bleibt dennoch erstaunlich positiv. Vor allem aber nimmt es uns mit in einen wilden, klugen Kopf und lädt dazu ein, sich mit Neurodivergenz auseinanderzusetzen.

👉 Vielleicht schafft „Hummelhirn“ genau das: mehr Verständnis für weibliches ADHS, das oft lange unerkannt bleibt.
Ein bisschen Pippi Langstrumpf im 21. Jahrhundert – nur leiser, reflektierter und auf ihre eigene Weise stark.

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